Zeitgeschichte greifbar machen – DDR-Zeitzeugen aus den Familien der Schüler:innen zu Besuch im LK Geschichte

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Auch wenn die Schüler:innen nur noch ihre Abiturvorbereitungen sowie die Prüfungen vor Augen hatten, gehörte die gesamte Aufmerksamkeit Nicole und Frank Bradler (beide 1973 geboren, Eltern von Max Bradler) sowie Frau Gerlinde Drobniewsky (geboren am 15.12.47, Bekannte von Juliane Pickartz), die den Kursteilnehmer:innen aus ihrem Leben in der damaligen DDR persönlich berichteten und alle Fragen der Schüler:innen sehr persönlich beantworteten.

Da die Kursteilnehmer:innen eine Vielzahl an Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR im persönlichen und familiären Umfeld kannten (Bekannte, Freunde der Eltern, Oma und Opa, sowie die eigenen Eltern), wurde der Unterricht bereits durch zahlreiche persönliche Rückmeldungen und Gespräche nach erarbeiteten Inhalten unterstützt und greifbarer gemacht. Das unterrichtliche Highlight sollte dann noch ein Zeitzeugeninterview sein, wobei ergänzt werden muss, dass Frau Drobniewsky zuvor ein Telefoninterview mit Juliane P. durchführte, welches wir uns im Kurs als Audiodatei als erstes anhörten.

Interessant war besonders, dass Frau Drobniewsky es als besonders wichtig empfand, die  Schüler:innen darüber zu informieren, da es ihr ein persönliches Anliegen war, ihnen ihre Sicht und Erinnerung so mitteilen zu können. Herr und Frau Bradler nahmen sich dann noch die Zeit, uns in unserem Kursraum persönlich zu besuchen. Auch hier wurde wieder deutlich, wie wichtig es ist, die Erinnerungen der Menschen allgegenwärtig werden zu lassen. Denn anders als Frau Bradler, die z.B. am Tag nach dem Mauerfall wie üblich in die Schule ging und dort nur zwei weitere Mitschüler:innen traf, was sie sehr verwunderte, erlebte Herr Bradler diese Zeit teilweise anders. Er nahm z.B. an einigen Montagsdemonstrationen gemeinsam mit einem Freund teil.

Alle drei berichteten von ihrer Schulzeit, die geprägt war von Fächern wie Staatskunde, Astronomie, technisches Zeichnen sowie Betriebsmitarbeit (Produktive Arbeit) – Frau Bradler war z.B. in der Landwirtschaft (Kuhstall ausmisten) und Herr Bradler in einer Brillenfabrik tätig, Frau Drobniewsky absolvierte diese Schulphase erst in einer Vorschule und im letzten Jahr in einem Kindergarten. Besonders der Geschichtsunterricht und dessen Inhalte interessierten den LK natürlich, wobei jedoch schnell deutlich wurde, dass dieser nichts mit ihrem eigenen Unterricht zu tun hatte, da die Perspektive auf die Ereignisse stets die DDR-Werte und Normen beinhaltete und das Fremdbild gegenüber dem gesamten „Westen“ verstärkte.  Der Unterricht war rückwirkend geprägt von der Geschichte der Unterdrückten sowie Revolutionäre. Besonders im Fach Staatsbürgerkunde wurde das Ziel der politischen Indoktrinierung der Schüler:innen deutlich. Dies änderte sich dann in der Oberstufe für Herrn Bradler völlig, auf Grund der Wende.

Da die Schüler:innen aktuell entscheiden, wie es nach dem Abitur weitergehen soll, wurde auch über die damaligen Berufswünsche der Zeitzeugen gesprochen. Diese waren teilweise durch die Schule und den Staat vorgegeben bzw. im Vergleich zu heute weitaus eingeschränkter. Probleme ergaben sich dann, da Frau Bradler mitten in der Umbruchphase der Wiedervereinigung nicht mehr den Weg einschlagen konnte, den sie in der DDR ursprünglich für sich vor Augen hatte (FDJ Koordinatorin und Pionierleiterin, was heute im Bereich der Sozialen Arbeit anzusiedeln wäre), weil es den Bildungsgang so nun nicht mehr gab bzw. andere Abschlüsse wie z.B. das Abitur als Voraussetzung in der BRD galten.

Frau Drobniewsky berichtete natürlich auch von Westpaketen, die ihre Familie regelmäßig von der Familie und Bekannten erhielt und wie gut diese rochen. Auch Familie Bradler erklärte dem Kurs, dass zahlreiche Artikel nicht einfach so zur Verfügung standen und man teilweise auf Kontakte angewiesen war, um überhaupt erst an sie zu gelangen, weshalb es immer schön war, wenn der Besuch aus dem Westen Geschenke wie die Bravo mitbrachte.

Auch das Thema „Stasi“ interessierte alle Anwesenden natürlich, da es einen großen Unterschied macht, ob man dazu Akten von Fremden im Unterricht sichtet oder persönliche Erfahrungen mitgeteilt werden. Max‘ Opa hatte z.B. eine Stasiakte. Er war Lehrer für u.a. Englisch, Geschichte und Latein. Seine Akte war gefüllt mit Abschriften von Briefen während der Armeezeit an die Schule als damalige Arbeitsstelle (er wurde als Reservist eingezogen) und Berichten über Mitteilungen, die andere Kollegen:innen ,wie Eine die unter dem Decknamen „Radieschen“ operierte, weitergaben, da die Hälfte von ihnen als inoffizielle Mitarbeiter der Stasi tätig waren.

Die Jugendzeit empfanden alle insgesamt jedoch als sehr schön und abwechslungsreich und beschrieben sie besonders in den kleineren Städten und Dörfern als behütet, denn es gab im positiven Sinn keine Möglichkeit auszubrechen, auch wenn die Zeitzeugen teilweise gar nicht so weit entfernt von der Mauer gelebt haben. Auffällig war, dass alle davon sprachen, dass sie einander hatten und ein starkes Gefühl des Zusammenhalts erlebten, welches sie alle drei nicht vermissen wollen! Dies teilen zu dürfen sehen alle drei nicht als selbstverständlich an, da es in der eigenen Familie als normal galt. Durch die intensiven Gespräche in den letzten Wochen mit all den verschiedenen Zeitzeugen: innen haben die Kursteilnehmer:innen über andere, aber teilweise auch über ihre eigenen Familiengeschichten noch viel mehr erfahren können.

Der LK bedankt sich bei allen, die dazu beigetragen haben, diese historischen Ereignisse greifbarer und anschaulicher zu machen, wodurch der gemeinsame Unterricht auf eine ganz individuelle Art und Weise zu einer Entdeckungsreise für alle Teilnehmer:innen wurde!

[Slö]