StartAktuell"Wir können nicht nach Nigeria, deshalb bringt er Nigeria zu uns."

“Wir können nicht nach Nigeria, deshalb bringt er Nigeria zu uns.”

Im Gespräch mit Andy Spyra

Einige Schüler:innen des MCGs, nämlich des Q2 bilingual Erdkunde-Kurses und Q1 Englischkurses von Frau Sandra Bauer, hatten am 21.09.2021 die Möglichkeit, an einem Online-Vortrag und einer Fragerunde des deutschen Kriegsfotografen und -journalisten Andy Spyra teilzunehmen. Thema waren seine Erlebnisse in Nigeria und Afghanistan. Als Fotograf bereist er Krisenländer, in denen er für Magazine wie die ZEIT, GEO, Stern, die FAZ und viele weitere fotografiert und recherchiert.
Andy schilderte detailreich Nigeria und den Zustand der Bevölkerung, sowie den Terrorismus und die Armut im Land. Mit eindrucksvollen Schwarz-weiß Aufnahmen führte Spyra die dramatische gesellschaftliche Situation in Nigeria, seine begleitende Reise mit Fulani Nomaden und die dort herrschenden Konflikte und Kriege aus.
Im Rahmen einer Reportage über nigerianische Frauen, die von der terroristischen Gruppe Boko Haram entführt wurden, zeigte er atemberaubende Schwarz-weiß Portraits der jungen Frauen und erzählte ihre berührenden Geschichten.
Andy Spyra schaffte es, den Schüler:nnen seine Erfahrungen, auch via Zoom, nahezubringen und über Korruption, soziale Ungleichheit und weitere gesellschaftliche Probleme aufzuklären.

Im Anschluss berichtete er von seiner Reise nach Afghanistan, seinen Eindrücken der Lage und der Begegnung mit den Taliban vor Ort.

Nigeria ist eines der am dichtesten bevölkerten Länder der Welt und aufgrund seiner Größe kann man auch nicht von einem Land sprechen, da es sich viel mehr aus vielen verschiedenen Gesellschaften zusammensetzt. In Nigeria finden sich rund 200 verschiedene Ethnien und es werden geschätzt 400 Sprachen gesprochen, somit herrscht eine beeindruckende kulturelle Diversität.
Spyra nennt Nigeria das „Power House von West-Afrika“, insbesondere aufgrund des besonderen „drives“ der Gesellschaft.
Religionen spielen eine große Rolle in der eigenen Wahrnehmung, so Spyra. In Nigeria sind viele Religionen vertreten, die sich nicht immer untereinander verstehen. Oft kommt es zu Konflikten und Auseinandersetzungen, so dass z.B. Kirchen mit Waffen bewacht werden müssen.
Besonders die katholische Kirche hält den Staat zusammen, da, laut Spyra, ohne sie ein wesentlicher Teil schon zusammengebrochen wäre. Sie sorgt für Frieden, Kommunikation und errichtet Flüchtlingslager. Da eine Regierung nicht „präsent“ ist, suchen viele Menschen bei der katholischen Kirche Hilfe.

Im Rahmen seiner Recherche zu den von Boko Haram entführten Frauen, erzählte Spyra viel von den starken Frauen, die er kennenlernen durfte. Schätzungsweise wurden zehntausende Frauen über die Jahre entführt. Als sie den Gruppen entkamen und zu ihren Dörfern zurückkehren konnten, wurden sie oft verstoßen und hatten keine andere Wahl als in ein Flüchtlingslager zu ziehen. Dort traf Andy Spyra einige der Frauen und interviewte sie. Zusammen mit dem Journalisten Wolfgang Bauer publizierte er ein Buch über ihre Erlebnisse: “Die geraubten Frauen”.

Auch mit den Fulanis verbrachte Andy Spyra einige Monate in Nigeria. Sie leben nomadisch und ziehen durch die Regionen. Dabei kommt es immer öfter zu Auseinandersetzungen mit anderen Bauern, da sie gezwungen sind, manchmal über Felder zu wandern. Das war früher kein Problem, jedoch werden Erntefelder jetzt anders genutzt und somit sind die Ernte- und Wanderzeiten nicht mehr synchronisiert. Die Fulanis ziehen mit sehr wertvollen Rindern durch die Regionen, die für sie fast schon wie Haustiere sind. Sie pflegen sehr enge und emotionale Verhältnisse zu ihnen. Seine Begegnungen mit den Fulanis untermalte Spyra auch mit seinen besonderen Aufnahmen in schwarz-weiß.

Auch die Nutzung von Pestiziden ist ein großes Problem in Nigeria. Viele Kühe sterben durch die toxischen Pestizide. Diese müssen benutzt werden, da durch Desertifikation der Ackerbau immer schwieriger wird. Hochgiftiges Glyphosat wird auf den Feldern versprüht und lagert sich an allen Pflanzen und im Grundwasser ab.
Forschungen haben ergeben, dass auch für die Bauern immer mehr gesundheitliche Probleme auftreten, je länger sie den Pestiziden ausgesetzt sind.

Über seinen Aufenthalt in Afghanistan vor einigen Wochen berichtete Spyra mit vielen Bildern.
Als Journalisten seien er und seine Kollegen gut durchgekommen, die Taliban habe sie nicht an der Arbeit gehindert.
Die Taliban kann derzeit ihren Machtapparat noch nicht ausfüllen, da es ihnen an qualifizierten Menschen mangelt, die bestimmte Stellen ausfüllen müssen. Spyra erzählte, dass im Land derzeit eine gewisse Sicherheit herrscht, nachdem die Taliban übernommen haben. Er argumentiert, dass die einzige Alternative zum jetzigen Zustand ein Bürgerkrieg wäre, aber das wolle ja niemand.
Trotzdem seien die Zustände der Menschen- und Frauenrechte in Afghanistan im Moment sehr problematisch. Er habe keine einzige Frau auf der Straße gesehen, erzählte Spyra.

Trotz der digitalen Distanz waren viele SchülerInnen von seinem Vortrag berührt und wurden zum Nachdenken angeregt. Die Schüler:innen freuten sich sehr über die Möglichkeit, an diesem interessanten und aufklärenden Gespräch teilnehmen zu dürfen.

Falls Sie Interesse an Andy Spyras Arbeit bekommen haben, finden Sie viele Artikel in der ZEIT, in Kooperation mit Wolfgang Bauer, und weiteren Magazinen, sowie seiner Homepage: www.andyspyra.com.

[BAU; Lotta, Q2]

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